Von Übermut, blauen Flecken und Piraten-Prinzessinnen…

Übermut tut selten gut. Wieder so eine Weisheit, die uns die Omi mit auf den Weg gegeben hat, als wir noch als kleine Kindergartenknirpse durch die Weltgeschichte hopsten. ‚Obacht geben länger leben‘, pflegte außerdem augenrollend die Erzieherin zu predigen, wenn die kleine Anna mal wieder tollkühnst über den Spielplatz tobte. Gebracht haben die gutgemeinten Ermahnungen damals so wenig wie heute. Aufgeschürfte Knie und blaue Flecken brachte ich immer wieder mit nach Hause, weil stillsitzen und erstmal abwarten, was passiert, eben noch nie so mein Ding waren. Ich wollte schon immer lieber selber machen, Dinge und Grenzen austesten und dafür muss man eben auch mal über die Stränge schlagen, um am Ende Bilanz ziehen zu können. Und auch heute, Ende Zwanzig mit hartem Kurs auf die Dreißig, stoße ich mir, wie damals auf dem Spielplatz, metaphorisch und tatsächlich noch immer regelmäßig Knie und Ellenbogen blau, weil Vorsicht eben ein ganz mieser Geschichtenerzähler ist und ich ohnehin noch nie viel für Porzellan übrig hatte.

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Wer länger funkeln will, verbrennt sich eben auch mal die Finger.

Entscheidungen sind der Endboss

Ja, das klingt nach „YOLO“. Ja, das klingt nach Generation „Y“, nach Generation „Selbstverwirklichung“, nach Generation „Bloß nix verpassen“. Ist es am Ende vielleicht auch und doch irgendwie auch alles andere als das. Klar, auch ich bin ein Kind dieser Generation, die sich, wofür uns zahlreiche Spiegelartikeln, gesellschaftskritische Abhandlungen und mit Vorliebe natürlich auch das gute alte WWW jeden Tag ein Neues Attest ausstellen, einen gewissen Selbstverwirklichungszwang auf die freudig im Trendwind flatternde Fahne geschrieben hat und ohne Rücksicht auf Verluste und Verstand das Leben zu eine riesigen Party machen will und möglicherweise würde ich ganz anders denken, wäre ich in eine andere Generation hineingeboren worden. Ich war aber auch schon immer ein Verfechter der Theorien „Wer A sagt, muss auch B sagen“, „Das eine, was Du willst. Das andere, was Du musst“ – Wir können nicht lauthals Selbsterfüllung brüllen und im selben Atemzug ein achselzuckendes „Vielleicht“ hinterher schieben. Generation „Maybe“ – ja, auch das sind wir. Ein Haufen ewig Zweifelnder, unfähig Entscheidungen zu treffen. Denn Entscheidungen bedeuten Konsequenzen. Entscheidungen sind der Endboss. Aber, wie stellte auch Marteria kürzlich fest: Keiner kämpft mehr bis zum Endboss. Alle geben auf. Nix verpassen? Ja! Aber bitte ohne unbequeme Nebenwirkungen. Was nun? YOLO oder YMLOD (You may live one day…)?

Paradoxerweise sind es gerade wir, die wir in unserer egozentrischen Vorstellung wie keine Generation vor uns so sehr nach der Erfüllung unseres Lebenstraums streben, die sich auf der Reise zur vollkommenen und endgültigen Entfaltung unserer Selbst irgendwie auch immer wieder höchst selbst den Weg abschneiden. Sei es, weil wir lieber abwarten und stillhalten, anstatt einmal Amboss, Hammer und Glück selbst in die Hand zu nehmen und einfach mal fröhlich drauflos zu schmieden, oder weil wir einfach irgendwie unheimlich auf Selbstkasteiung stehen. Das eine bedingt wohl auch das andere. Zumindest wurde wohl nie zuvor mehr gedetoxt und sich im Fleisch- und Käseverzicht geübt.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass gerade wir uns wortwörtlich bis zum Erbrechen durch Cross-Fit-Trainings und Saft-Diäten quälen, um uns dann am nächsten Wochenende drölf Flaschen Schnaps reinzustellen, die eine oder andere bunte Pille zu schmeißen und zurück im Büroalltag zu fragen: Wo war ich eigentlich in der Nacht von Freitag auf Montag? Es ist kein Zufall, dass gerade wir sowohl das Flatratesaufen als auch die Detoxkur zelebrieren und ständig schwanken zwischen drei Tage Berghain und 10-Tage-Trimm-Dich-Programmen. Das alles ist symptomatisch für eine Generation, deren Patentrezept für die Lösung der großen Rätsel des Lebens „Vielleicht“ lautet. Das alles ist Ausdruck und Sinnbild einer Generation, die nicht den Arsch in der Hose hat, wirklich mal das durchzuziehen, was sie sich als Lebensmotto im Kollektiv hat unter die Haut stechen lassen: YOLO!

Glück ist, was Du draus machst!

Für den Feinstaub müssen wir schon selbst sorgen.

Übermut tut nämlich doch ganz gut – Ein Satz, den die liebe Omi wohl erstmal nicht ganz anstandslos unterschreiben würde, Madame aber doch nicht einfach so abtun kann. Glück ist nämlich das, was Du draus machst und ’ne ordentliche Portion Waghalsigkeit braucht es eben das Projekt „glücklich sein“ anzupacken. So ein bisschen auf sich achten und vielleicht nicht jeden Mist mit sich und seinem Körper anstellen, der unserem tollkühnen Köpfchen mal so durch die grauen Zellen turnt, ist schon ’n solides Ding. „Gesund sein“ ist schließlich schon so ziemlich der geilste Scheiß, den’s gibt. Aber, schimpft mich noch einmal „Generation Y“, ich für meinen Teil bin/werde lieber bedingungslos glücklich, als um jeden Preis steinalt. Keine Frage, Rauchen zum Beispiel ist, vollkommen vernünftig betrachtet, schon ziemlich beknackt. Wenn es mich – ich bin übrigens Nichtraucher – aber doch in bestimmten Momenten bedingungslos glücklich macht, muss ich selbst entscheiden, ob es mir das wert ist, möglicherweise ein paar Jährchen einzubüßen. Und da wären wir dann wieder beim A und B sagen, bei Entscheidungen und Konsequenzen. Glück ist am Ende eben kein Feenstaub, den eine putzige Märchenfigur plötzlich über uns streuselt. „Glücklich sein“ ist zu einem gewissen Maße auch eine bewusste Entscheidung und die hat eben auch immer gewisse Folgen.

Ich halte es daher mit den Herren von Tocotronic: Pure Vernunft darf niemals siegen! Was, wenn wir am Ende hundertdrölfjährig in unserem Lehnsessel sitzen, die lieben Enkelchen uns mit großen Kulleraugen angucken und wir einfach so gar nichts zu erzählen haben, weil wir lieber vernünftig waren, statt als verwegene Piraten-Prinzessin durch die Landen zu ziehen – und die haben schließlich immer die wildesten Stories zu berichten…

Anna

#PowerPuffGirl mit ausgeprägten Hang zur Lebensfreude, hat Hummeln im Po und Flausen im Kopf. #Schnackerperle #Bullshitqueen #AusDerReiheTänzerin #Piratenprinzessin Mehr über Anna

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