Undercover bei Zalando: Schuften damit andere Shoppen können

Zugegeben, auch ich bin ein leidenschaftlicher Online-Shopper. Kaum ein Tag vergeht, an dem ich nicht die einschlägigen Websites nach dem nächsten Traumteil durchforste. Noch verlockender wird das Ganze, wenn dann sogar auf Rechnung und mit kostenlosem Versand und Rückversand geshoppt werden darf. Da wurde schon so manche Bestellung in der Vergangenheit zur XL-Lieferung – am liebsten gleich mehrere Größen und Farben, ach was soll’s, das süße Teil da darf auch noch mit… Alles ganz bequem und einfach von Zuhause aus. Was und vor allem WER da alles so dahinter steht, darüber habe ich mir bisher eigentlich nie so wirklich viele Gedanken gemacht. Sollte ich aber, denn was für mich super praktisch und easy ist, ist für andere ein echter Knochenjob. Wie hart die Arbeit in einem Versandlager tatsächlich ist, hat die Journalistin Cora Lobig im Selbstversuch getestet. Undercover hat sie sich als Lagerarbeiterin bei Zalando am Standort Erfurt beworben und was sie da erleben musste, sollte wirklich einen Anstoß zum Überdenken des Shopping-Verhaltens eines jeden Internet-Einkäufers geben.

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Außen hui, innen pfui! So ungern ich mich auch in abgedroschenen Floskeln ergehe, an dieser Stelle passt es wirklich. Nach außen gibt man bei Zalando nämlich das noble Fashionunternehmen, das seinem Kunden höchsten Shopping-Komfort bietet, prestigeträchtige Blogger-Events ausrichtet und sich vom kleinen Berliner Start-up zum internationalen Erfolg entwickelt hat. Hinter den Kulissen bröckelt das Hochglanz-Image aber gewaltig. Nach dem Skandal um die Arbeitsbedingungen im Lager des Online-Handels Amazon, gerät nun auch Zalando in die Kritik. Drei Monate lang hat sich Caro Lobig unter dem falschen Namen und in Begleitung des bekannten Enthüllungsjournalisten Günther Wallraff für das RTL-Magazin EXTRA als Lagerhilfe bei Zalando eingeschleust und stieß dabei nicht selten an ihre physischen und psychischen Grenzen. „Ich musste mich jeden Morgen zu Schichtbeginn zwingen hinzugehen, weil man so einen Job mit Sicherheit nicht machen will“, so das vernichtende Urteil der jungen Journalistin.

Bis zu 27 Kilometer am Tag musste Caro als sogenannte Pickerin ablaufen, um die Bestellungen zu bearbeiten. Abends fehlte dann die Kraft für andere Aktivitäten. Freizeit, Privatleben und Spaß: Fehlanzeige. „Mir ist die Lust total vergangen. Ich hab in der Freizeit nur geschaut, dass ich sitzen, schlafen, mich erholen kann. All das, was auf der Arbeit eben nicht geht.“ Denn im Lager gilt auch bei Leerlauf „Hinsetzen verboten!“, darauf achten die Teamleiter peinlichst genau und sogar beim Toilettengang steht der Mitarbeiter unter strengster Beobachtung. „Ich hatte auch einen Kollegen, der war 20 Minuten scheinbar auf der Toilette. Da hat der Teamleiter ihn gesucht und gefragt: ‚Was hast du gemacht?‘ Und dann musste er sich rechtfertigen und erklären: ‚Ich habe Blasen an den Füßen. Ich habe meinen Verband gewechselt.'“ Kein Einzelfall, wie die Journalistin aus Erfahrung weiß: „Das kommt öfter vor, dass die Teamleiter fragen: ‚Was machst du so lange auf der Toilette? Das sollte nicht so lange dauern!'“ Von absolut unzumutbaren und wirklich erniedrigenden Arbeitsroutinen berichtet die Reporterin auch aus der Retouren-Abteilung : „Da packt man die Pakete aus und guckt sich an, wie sieht die Kleidung aus? Ist das irgendwie schmutzig? Man muss sogar daran riechen. Auch an Schuhen und Unterwäsche. Und da ist es schon oft der Fall, dass die Sachen schon getragen sind.“

Noch schlimmer als die körperlichen Beschwerden, ist aber der psychische Druck. „Zu wissen, wir sind ständig unter Beobachtung, ständig kann jemand auftauchen und etwas von einem wollen, einem die Zahlen vorlegen, man wird bespitzelt von den anderen Kollegen, das war eigentlich am schlimmsten.“ Zusammenhalt unter den Arbeitern sucht man nämlich vergebens. Schließlich lebt jeder in der ständigen Angst als Unruhestifter angeschwärzt zu werden und seinen Job zu verlieren, denn beruflicher Aufstieg bedeutet als Lagerarbeiter bei Zalando: Bespitzlen und Verpetzen. Wer kuscht darf bleiben, wer kritisiert der fliegt.

Rund 2.000 Mitarbeiter arbeiten so täglich in Früh- und Spätschicht. Die Bezahlung liegt mit 8,79 Euro pro Stunde nur knapp über dem gerade gesetzlich festgeschriebenen Mindestlohn. Doch eine Alternative bleibt den Meisten nicht. Jobs sind im strukturschwachen Thüringen Mangelware. Mit einer Arbeitslosenquote von 8,7 Prozent liegt die Region fast 2 Prozentpunkte über dem deutschlandweiten Durchschnitt. „Viele sind so unterdrückt über die lange Zeit und haben Angst ihren Job zu verlieren. Viele sind darauf angewiesen, müssen für ihre Familie das Geld reinbringen und finden vielleicht nichts Neues. Da war Zalando erstmal die Rettung.“, so Caro Lobig. Doch glücklich werden die Arbeiter hier wohl nicht.

Das Fazit der Undercover-Reporterin: „Ich hoffe natürlich, dass Zalando aufwacht und merkt, dass man die Menschen nicht ewig unterdrücken und gängeln kann und das vielleicht auch die Kunden merken, dass sich da etwas ändern muss. Andere müssen darunter leiden, weil wir zu bequem sind, anders einzukaufen. Der Druck landet bei den Arbeitern.“

Das Umdenken muss wohl wirklich zuerst bei uns Kunden stattfinden, denn solange die Zahlen bei Zalando weiterhin stimmen, wird sich auch an den Arbeitsbedingungen nichts ändern. Und mal ehrlich, eigentlich steht uns doch wieder einmal nur unsere Bequemlichkeit, der berühmte innere Schweinehund im Weg. So ein bisschen vor die Tür gehen, unter Leuten sein und beim entspannten Bummeln das nächste Lieblingsteil live und in Farbe zu entdecken, ist doch im Grunde ein viel schöneres Erlebnis, als alleine am PC die Shops durchzuklicken.

Das Beitragsbild stammt von Alexander Kania vom Cropped Magazine.

Anna

#PowerPuffGirl mit ausgeprägten Hang zur Lebensfreude, hat Hummeln im Po und Flausen im Kopf. #Schnackerperle #Bullshitqueen #AusDerReiheTänzerin #Piratenprinzessin Mehr über Anna

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