Die neue Durschnittlichkeit: Oder – Sind wir nicht alle ein bisschen Normcore?

Seit einigen Wochen geistert immer wieder dieser eine Begriff durchs Netz und begegnet uns vor allem auf einschlägigen Fashionblogs und Modewebsites. Die Rede ist vom ominösen „Normcore“. Als ich davon das erste Mal hörte, saß ich mit meiner Freundin Carmen im Auto auf dem Weg zu Ikea. „Sag mal, hast du eigentlich schon was von diesem neuen Trend gehört, bei dem man sich total normal anzieht?“ Ähäääm… hatte ich nicht und so gab ich peinlich berührt – schließlich, bin ich ja diejenige, die berufsbedingt am besten informiert sein sollte – zu, dass das wohl bisher an mir vorbeigegangen war. Aber schon damals regte sich in mir dieser leise Prostest, den ich anfangs noch nicht ganz einordnen konnte, der mich aber nachhaltig beschäftigen sollte, denn in den nächsten Wochen wurde ich immer wieder mit dieser Sache namens „Normcore“ konfrontiert.

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Aber fangen wir ganz vorne an. Normcore. Was soll das eigentlich bedeuten? Geprägt wurde die Bezeichnung durch die New Yorker Trendagentur K-Hole, die im Oktober 2013 eine Studie über den Kleidungsstil junger Leute mit dem Titel „Youth Mode: A Report of Freedom“ veröffentlichte und ist ein Hybrid aus den Begriffen „normal“ und „hardcore“. Beschrieben wird damit eine modische Gegenbewegung zum Hype um Trends und Einzigartigkeit. Mit anderen Worten: Weg vom Individualismus, hin zum Einheitslook. Während wir uns also über Jahre darum bemühten, möglichst einzigartig und originell zu sein und irgendwie aus der Masse hervorzustechen, sollen wir nun mit „hardcore-mäßiger“ Leidenschaft in eben dieser untergehen wollen? Bei K-Hole liest sich das so: „Normcore heißt, auf die Freiheit zu verzichten, ein Jemand zu werden. Normcore bewegt sich weg von der Coolness, die darin liegt, sich von anderen zu unterscheiden, hin zu einer Post-Orginalität, in der man sich für Gleichheit entscheidet.“

attends 16th Annual EIF Revlon Run Walk For Women on May 4, 2013 in New York City.
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Gleichheit statt Individualität, Normalität statt Extravaganz – Die Logik des Normcore setzt den in unserer Gesellschaft über Jahrzehnte gewachsenen Zwang, ein einzigartiges Individuum zu sein, außer Kraft. Globalisierung und Internet hätten es für uns ohnehin unmöglich gemacht, wahrhaft speziell zu sein. Die beinahe flächendeckende Vernetzung über Smartphone, Facebook und Co. führe dazu, dass Trends in Windeseile zu Gruppenbildung und schließlich zur Massenbewegung würden. Wenn alle irgendwie immer zum gleichen Zeitpunkt auf die gleichen Ideen kommen, ist wahre Individualität kaum mehr möglich. Beispiele gibt es zahlreiche in der Mode: Kaum waren die Baggypants angesagt, wurden diese von knallenge Skinny Jeans abgelöst. Hatten sich haarlose, gestählte Körper im heterosexuellen Mainstream etabliert, ließen sich schlaksige Hipster Bärte und Brusthaare stehen. Saß der Hosenbund in den 2000ern noch möglichst tief auf der Hüfte, feiern wir heute das Comeback der Highwaist-Shorts. Das Spielchen könnten wir wohl ewig so weiterführen. Einer macht es vor, alle machen es nach. Trend jagt Trend, Hype jagt Hype – unablässig auf der Suche nach dem einen einzigartig coolen Look, den es in einer Welt voller Modeblogs und Social-Media aber irgendwie nicht mehr geben kann. Hier greift die neue Durchschnittlichkeit. Wer sich nämlich bewusst dafür entscheidet, gleich zu sein, tritt aus dem, dem Individualismus hinterherhechelnden, Kollektiv heraus und findet zur eigentlichen Coolness, so versprechen es jedenfalls die Lehren des Normcore.

Statt auf auffällige Statement-Pieces setzen Normcore-Vertreter daher auf cleane Klassiker und bequeme Basics. Statt in aussagekräftige WOW-Looks werfen sie sich in eine Art 0815-Uniform, bestehend aus Turnschuhen, Sweater und Jeans. Das ist nicht nur lässig und super bequem, sondern spart auch jede Menge Zeit, denn wer ohnehin nichts Besonderes darstellen und in der Masse untergehen will, braucht sich morgens vor dem Kleiderschrank nicht mehr viele Gedanken zu machen. So propagiert der Normcore, nicht nur sich auf schlichte Basics zu beschränken, sondern auch eine gewisse Unbeschwertheit in Fashion-Fragen zu entwickeln und somit weniger Entscheidungen treffen und weniger über eben diese Entscheidungen nachdenken zu müssen. Damit scheint die Bewegung wohl vor allem uns Frauen einen großen modischen Dienst zu erweisen, befreit sie uns doch augenscheinlich von der ewig wiederkehrenden „Was ziehe ich heute bloß an“-Frage. Oder etwa doch nicht?

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Genau an dieser Stelle kommen wir zu meinem anfänglich beschriebenen Bauchgrummeln zurück. Geht nicht mit jedem Trend – ob er nun einer sein will oder nicht – auch immer ein gewisses Bild von dem einher, was er darstellen will? Bereits in dem Moment, in dem man dem Kind einen Namen gibt, bedarf es doch einer Definition und dann stehe ich hinterher doch wieder vor dem Schrank und frage mich, wie ich dieser gerecht werden kann und ruckzuck geht die proklamierte modische Unbeschwertheit flöten. Oder bin ich ebenso Normcore, wenn ich statt zur schnöden Durschnitts-Kombi ganz unbekümmert zum auffälligen Highlight-Style greife, weil das eben das Erste war, das mir in die Finger geraten ist? Wohl eher nicht, schließlich gehe ich im leuchtend bunten Knallfarbendress wohl kaum in der Menge unter, selbst wenn ich mich nicht absichtlich darum bemüht habe. Damit sind wir dann auch beim Kern der ganzen Problematik angelangt. Obwohl sich Normcore ja genau als Gegenbewegung zum ewigen Hype-Hinterhergelaufe und Trendsettertum versteht, ist er am Ende doch nicht anderes als eben dieses und stellt sich so irgendwie doch selbst ein Bein. Denn wenn der Hang zum Normalen, von der Mode aufgegriffen, in Form von Outfits adaptiert und somit zu einem fest abgesteckten Dresscode geformt wird, ist es mit der modischen Unbeschwertheit auch nicht mehr weit her und Normcore wird zum neuen Hipster und am Ende will es wieder keiner sein.

Das Paradoxon entsteht aber allein an der Begrifflichkeit an sich. Einzig und allein indem man dem Ganzen eine Namen gegeben hat, wird die Bewegung ad absurdum geführt. Wie gesagt: Was einen Namen hat, braucht eine Definition und Definitionen schaffen Abgrenzungen. Dabei geht es beim Normcore doch gerade darum, sich zu integrieren und so ganz und gar nicht individuell zu sein. Wie aber geht das zusammen? Ich habe mich ohnehin von Anfang an gefragt, warum es überhaupt eines Namens bedarf, der das Ganze in nur logischer Folge irgendwie zum Trend erklärt. Wir kennen doch alle diese Momente, in denen uns modische Unlust überfällt und wir, um auf Nummer sicher zu gehen, zur geliebten Jeans-Pullover-Kombi greifen, weil das eben einfach immer geht. Das ist kein Trend, das ist simpler Pragmatismus.

<> at Manhattan Theatre Club Rehearsal Studios on September 25, 2013 in New York City.
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Und schließlich sollten wir Modemenschen uns jetzt nicht einbilden, wir hätten mal wieder das Rad neu erfunden und dass es diese Perspektive zur Klamotte nicht schon längst gegeben hätte, ehe wir sie als scheinbar neues Phänomen ausgemacht haben wollen. Auch wenn wir das in unserer von It-Items und Statement-Pieces bestimmten, bunten Fashionwelt manchmal nicht so ganz auf dem Schirm haben und wir uns allmorgendlich vor dem heimischen Klamottenberg den Kopf zerbrechen, um dann Rock mit Strumpfhose, mit Bluse unter Pullover unter Mantel, mit Booties zu kombinieren, das Ganze mit allerlei Schmuck und Accessoires garnieren und uns die angesagte Designertasche, vollgestopft mit all dem, was man eben unbedingt so braucht, fashionable in die Armbeuge hängen, gibt es da draußen durchaus Menschen, die sich täglich ganz unbedarft und ohne modischen Hintergedanken in Jeans und Shirt hüllen, einfach nur, weil es praktisch ist und man, erschiene man nackt im Büro, entweder schrecklich frieren oder aber womöglich direkt in die Geschlossene eingewiesen würde.

Wenn dann aber auch als Stil-Ikonen gehypte Fashionistas wie Sarah Jessica Parker und Alexa Chung in ihrer Freizeit in unaufgeregten Wohlfühl-Outfits durch den Supermarkt schlendern, wittert man gleich einen neuen modischen Hype, oder wie? Wie bereits angeklungen, stellt sich dann aber immernoch die Frage: Was macht mich dann eigentlich zum Normcore-Vertreter, der Look an sich, sei es beabsichtigt oder nicht, oder die bewusste Entscheidung zum Normalo-Style? Und wenn wir schon dabei sind, machen wir doch einfach mal wieder die allseits beliebte philosophische Diskussion auf: Was ist denn überhaupt normal? Ein Outfit, das für den einen überkrass und ausgefallen ist, kann für den anderern doch schon wieder vollkommen durchschnittlich sein. Ein Problem, mit dem ich mich auch bei der Auswahl des Bildmaterials für diesen Beitrag auseinandersetzen musste. Ist das da noch Durchschnitt oder doch schon wieder hip? Fragen über Fragen, die letztlich wohl in einer großen münden, die mir seit dem Zeitpunkt unter den Nägeln brennt, in dem meine liebe Carmen mich das erstmal auf diese vertrackte Angelegenheit aufmerksam machte: Sind wir nicht alle ein bisschen Normcore?

Bilder via GettyImages,de.

Anna

#PowerPuffGirl mit ausgeprägten Hang zur Lebensfreude, hat Hummeln im Po und Flausen im Kopf. #Schnackerperle #Bullshitqueen #AusDerReiheTänzerin #Piratenprinzessin Mehr über Anna

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