Stop all that Bodybashing: Von dünnen Heidis und dicken Caras oder so ähnlich…

Seit vier Wochen laufen sie wieder – Heidis Meeeeedchen – mal mehr mal weniger gekonnt über den Laufsteg. Donnerstag ist endlich wieder GNTM-Tag – Prosecco-Mädels-Abend olé!! Neben hochgewachsenen blutjungen Hüpferchen, die all ihre jugendlich leichtsinnige Hoffnung in die ganz große Modelkarriere setzen, gibt es da aber vor allem auch eines zu sehen: Jede Menge Klum’schen Schwachsinn. Anders kann man es wohl nicht nennen, wenn diese vollkommen überdrehte, nicht mehr ganz so taufrische Nudel über den Bildschirm hüpft, sich in einen Nuttenfummel nach dem anderen schmeißt und uns ihren fettfreien Modelkörper als Gott gegebenes Naturphänomen verkauft. Versteht mich nicht falsch, soll Madame meinetwegen dünn sein, wie sie will. Ist ja ihr Körper und mit dem sollte jeder in einem bestimmten Rahmen anstellen dürfen, was sie/er will und gefällt. Es liegt mir fern, jemanden für ein paar Rundungen mehr oder eben weniger zu kritisieren, das tun andere ja bereits zu Genüge und das geht mir ehrlich gesagt ziemlich auf den Keks, aber darauf komme ich später noch zu sprechen. Jetzt erstmal zurück zu Heidi.

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Es stößt mir also weniger sauer auf, dass die Gute in letzter Zeit noch ein paar Pfündchen verloren hat, sondern vielmehr die scheinheilige Verlogenheit mit der sie uns eben diesen Sachverhalt verkaufen möchte. Während sie ihren Schützlingen nämlich härtestes Training, strengste Disziplin und radikale Ernährungsumstellung predigt, präsentiert sie uns ihren eigenen neuen XXS-Körper als Resultat wilder Fastfoodgelage und exzessiver Tortenorgien. Konkret sieht das dann so aus: In der einen Episode mampft Madame scheinbar einen Döner nach dem anderen, in der nächsten wird mit viel Aufsehen fleißig Kuchen gegabelt, dann inszeniert man sich mit haufenweise Burger und Fritten und zum Schluss wird auch noch lauthals nach Muddis Hausmannskost krakeelt – und das alles natürlich ohne auch nur ein einziges Kilolein zuzunehmen. Ja nee, ist klar… Ich möchte hier niemandem etwas unterstellen. Auch ich kenne durchaus ein paar Frolleins, die das ein oder andere Stück Pizza mehr verdrücken können, ohne dass sich dieses postwendend auf den Hüften bemerkbar macht, während die andere schon beim bloßen Anblick der Chipstüte gleich drei Kilo mehr auf die Waage bringt. Ja, das ist ungerecht, aber so ist es nunmal und wenn eben auch Heidi zu jenen glücklichen Damen zählt, deren Körper ihr derlei kulinarische Sünden nicht so schnell übel nimmt, so sei es ihr gegönnt. Problematisch und ziemlich unglaubwürdig wird das Thema dann allerdings, wenn man sein Essverhalten dermaßen zur Schau stellt, dass es geradezu danach schreit hinterfragt zu werden – zumal Modelmama Heidi ja auch nicht müde wird ihre Vorbildrolle zu unterstreichen.

heidi-klumWas für ein Vorbild gibt man aber ab, wenn man das eine predigt und selbst das andere tut? Ein ziemlich miserables wohl. Ich kann ja ansatzweise die mögliche Intention dahinter verstehen… Natürlich möchte man den Mädels einerseits beibringen, dass das Modelleben eben auch einiges an Disziplin mit sich bringt und da gehören eben Sport und eine gewisse Ernährungsweise dazu. Andererseits ist es in unserer Gesellschaft aber auch Mode geworden, ein dünnes Mädchen ebenso wie eine bewusstere Ernährungsweise, die eben möglicherweise ganz freiwillig ohne Burger und Co. auskommt, grundsätzlich erst einmal mit dem Generalverdacht der Essstörung zu begegnen, welchem man bei GNTM offenbar mit einer schlemmenden Heidi entgegenzuwirken versucht. Klingt paradox? Ist es auch und das Schlimmste daran: Im Grunde spiegelt es eigentlich bloß unser generell zweifelhaftes Verhältnis zum eigenen Körper wider – gerade bei uns Frauen.

Allgemeines Bodybashing scheint derzeit nämlich gerade unter uns Damen zu einer Art Volkssport geworden zu sein: Die sollte mal ne Stulle essen, die andere am besten eine solche nicht mal mehr ansehen und die Letzte hat zwar eigentlich ne ordentliche Figur, ist aber trotzdem nicht ganz richtig, ganz einfach, weil die sich gefälligst auch unwohl zu fühlen hat, wenn ich tagtäglich meine Speckröllchen zähle… Laut aussprechen, dass man sich in seinem Körper wohlfühlt, gerade so, wie er ist, darf man eigentlich überhaupt nicht mehr. Frau hat sich gefälligst für ihre Kilos – ob nun mehr oder weniger vorhanden – zu rechtfertigen, immer und überall. Stellt sich also die Frage: Wollen wir denn überhaupt, dass sich eine Heidi Klum hinstellt und uns sagt, dass so ein superschlanker Body eben harte Arbeit und Verzicht bedeutet und man sich genau überlegen sollte, ob das einem die Schufterei wirklich wert ist? Dann müssten wir nämlich möglicherweise unsere eigene Disziplinlosigkeit anerkennen oder eben endlich unser wertes Popöchen hochkriegen… Und andersherum genauso: Wollen wir überhaupt akzeptieren, dass Frau sich auch mit Kurven wohlfühlen kann, weil es eben auch Wichtigeres im Leben gibt, als dünn zu sein und andere ihre Prioritäten tatsächlich cleverer und vor allem gesünder setzen als wir selbst? Dann müssten wir uns wiederum ja eingestehen, dass es tatsächlich unter uns richtig lässige Perlen gibt, die die beneidenswerte Coolness besitzen, über diesem ganzen Bodyhype zu stehen, während wir selbst noch immer nichts dazu gelernt haben, mit uns hadern, Heidi klamm heimlich eigentlich doch bloß um ihre dünnen Beinchen beneiden und so beknackt sind, einem Schönheitsideal hinterher zu spurten, das wir ganz offiziell als gestört verteufeln, ja verteufeln müssen, sonst schlägt nämlich wieder besagter Generalverdacht zu. Und weil man sich die eigenen Unzulänglichkeiten ja am wenigsten gern selbst unter die Nase rubbelt, schiebt man dann doch lieber wieder den anderen den schwarzen Peter zu, streckt empört den Finger aus und kreischt lauthals „Anorexia“ und „Adipositas”.

…oder man macht es eben noch perfider, wie jüngst die werten Kollegen eines bekannten Onlinemagazins. Da werden aktuell nämlich absolut makellos schlanke Grazien für ihre vermeintlich zusätzlichen Pfündchen gelobhudelt – nur weil grad mal keine Rippen blitzen. Ganz nach dem Motto: Wer nicht zu dünn, der eben speckig – das gesunde Mittelmaß ist da längst verloren. Bei so viel Scheinheiligkeit treibt es einem die Kotze doch wirklich bröckchenweise den Rachen hoch, werte Stylebook-Redaktion. Cara Delevingne und Selena Gomez werden dort nämlich gerade als die neuen Kurvenqueens gefeiert. Im Ernst jetzt??? Das ist schon ziemlich asozial.

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Das eigene Gewicht scheint Frau irgendwie nur (er)tragen zu können, wenn alle anderen auch an sich zweifeln. Tanzt eine aus der Reihe, wird eben solange beäugt und gekrittelt – natürlich alles ganz subtil, man will sich ja nicht nachsagen lassen, dass man den ganzen krankhaften Körperkult auch noch unterstützt – bis Mademoiselle wieder spurt und sich so richtig schön unwohl fühlt in der höchst eigenen Haut. Ein „Ja“ zum eigenen Körper wird nämlich nur all zu gern als Beleidigung für die andere verstanden. Du bist dünner als ich und findest dich ok? Danke, du findest mich also fett! – so ein schlechtes Gewissen wird das Frollein schon ratzfatz wieder zurück auf den Boden der Selbstzweifel holen. Vielleicht ist der erwähnte Generalverdacht ja auch gar nicht so unbegründet. Bei all dem Röllchen und Rippen zählen stellt sich doch irgendwie der Eindruck ein, als hätten wir uns längst ALLE eine gepfefferte Essstörung eingefangen. Ich kenne jedenfalls kaum eine Frau, egal ob XXS, M oder XXL, die ganz ohne Bauchzwicken und verschämter Rechtfertigung, à la: „Ich hatte heute Mittag ja auch nur ‘nen kleinen Salat“, das Stückchen Schokotorte genießen kann… Andernfalls würde sich das vorherrschende Gefühl für diejenigen, die tatsächlich mit einer wie auch immer gearteten Ernährungsstörung zu kämpfen haben, wohl auch viel eher als Mitgefühl ausdrücken, anstatt in hirnlosem „Oben-druff-Jekloppe“.

frau-ist-burgerVermutlich dürfen wir dann aber auch mit einer Heidi Klum nicht so streng sein. Natürlich wird der Zirkus, den Madame da im TV veranstaltet, dadurch nicht weniger beschränkt und die angebliche Fürsorge für die Gesundheit der Mädels – wobei auch nicht wirklich klar ist, was nun unter gesund verstanden wird – schreit nicht minder nach Heuchelei. Wahrscheinlich sollte man aber auch einer Heidi Klum das Mensch- und Frausein – mit all den Selbstzweifeln, die eben dieses mit sich bringt – nicht absprechen, mag man sonst auch von ihr halten, was man will. Wie dem aber auch sein: Ich für meinen Teil würde es wirklich erfrischend finden, würde sich endlich mal eine hinstellen, den ganzen Haterspackos und -spackorellas ihren hauseignen Scheißdreck um die Ohren knallen und erklären, was wirklich Phase ist, anstatt dem Ganzen mit gefaktem Schwachsinn auch noch Futter zu geben. Letztlich sind für diesen ganzen Gewichtswahnsinn aber leider auch nicht nur die Medien, sondern zum großen Teil auch wir selbst schuld. Solange Labels wie „Size-Zero“ und „Plus-Size“ noch immer die stärksten Klickzahlen bringen, wird sich an der Dauerthematisierung unseres Körpergewichts und damit auch der weiblichen Verunsicherung wohl so rein gar nichts ändern. Solange wir uns alle also nicht mal ein bisschen entspannen und mit unseren Körpern Frieden schließen, wird es solchen Mist wohl auch weiterhin zu sehen und lesen geben. Vielleicht sollten wir uns alle einfach mal locker machen, die Schubladen feste und für immer zuknallen, dünn dünn, dick dick und vor allem all die selbstzerfressenden Vergleiche sein lassen – und dann kann ja jede(r) selbst entscheiden, ob fortan Abends auf Kohlenhydrate verzichtet wird und stattdessen lieber Gemüse und Salat auf den Tisch kommen oder es doch lieber der pornös geile Burger sein soll.

Bilder via GettyImages.de.

Anna

#PowerPuffGirl mit ausgeprägten Hang zur Lebensfreude, hat Hummeln im Po und Flausen im Kopf. #Schnackerperle #Bullshitqueen #AusDerReiheTänzerin #Piratenprinzessin Mehr über Anna

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