Kein Ort für Feiglinge…

Dass unsere Generation hinsichtlich ihrer zwischenmenschlichen Bindungsfähigkeit leichte bis zentnerschwere Defizite aufweist, wissen wir wohl nicht erst, seit man uns dieses alle Tage wieder in zahlreichen Artikeln schlauer Magazine auf die glutenfrei Margarinestulle schmiert. Dass uns mächtig der Stift geht, sobald wir uns irgendwie festlegen müssen, gerade wenn es darum geht, sich vor anderen theoretisch und wortwörtlich nackig zu machen – wobei letzteres uns weitaus weniger Probleme bereitet und wir uns, im Gegensatz zu unseren emotionalen Mauern, unserer Kleider nur all zu gern entledigen und, mal abgesehen von der Hippie-Ära, fröhlicher als wohl je zuvor durch die Betten hopsen – haben wir am eigenen Leib und Herzen erlebt und lecken uns heute noch die Wunden.

Die meisten von uns haben wohl schon die eine oder andere quälende Stunde durchlitten, weil er/sie nach drei traumschönen Tagen in unzertrennlicher Zweisamkeit kurz darauf wohl mir nichts dir nichts und ohne freundschaftliches „See you later alligator!“ in den australischen Busch umgesiedelt sein muss. Kein Netz. Das muss es sein. Schließlich glotzt man ja sonst auch alle zwei Sekunden aufs Smartphone. Da hätte er/sie die drölftausend in der Dramatik ansteigenden Whatsapp Nachrichten andernfalls doch längst sehen müssen… Oder man ist vermutlich selbst schon einmal erschrocken in Deckung gegangen, weil die Karin plötzlich doch mehr wollte, als bloß mal wieder ordentlich zu vögeln.

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Eine Generation, in der fleißig geghostet und mächtig am Rad gekurbelt wird, sobald das Wort „Beziehung“ wie ein riesenhafter Elefant in den Raum getrampelt kommt, scheint jedenfalls dringend Nachhilfe in zwischenmenschlichen Fragen zu brauchen. Und wo ein Zweifel ist, hopst uns das gute alte WWW natürlich liebend gern mal wieder als allwissender Ratgeber zur Seite und knallt uns derzeit in schönster Dr. Sommer Manier allerlei gutgemeinte Erste Hilfe à la „Wie lange solltest Du warten, bis Du zum ersten Mal mit der neuen Flamme in die Federn hüpfst“, „10 Anzeichen, an denen Du erkennst, dass Deine Beziehung perfekt ist!“ oder „Wenn Ihr das hier tut, wird aus Eurem ersten Date garantiert eine Beziehung!“ um die Ohren. Liebestipps holt man sich jetzt also offenbar nicht mehr bei der BFF oder vertraut einfach mal auf’s eigene Bauchgefühl, geschweige denn, dass man jene Dinge, die einem durch Kopf und Herz schwirren einfach mal mit dem anderen Mitglied einer solchen Zwei-Menschen-Gemeinschaft bespricht. Es könnten ja Fetzen, Teller und Grillfleisch – gut, letzteres ist ein persönliches Schicksal – fliegen. Heute fragt man Dr. Internet. Angesichts der Fülle solcher beziehungsweisenden Beiträge scheinen die Klicks ja zu stimmen. Und wie kommt’s?

Sieht ganz so aus, als hätten wir bei all dem ich-bezogenen Selbstverwirklichungsstreben, das der Generation Y ja genauso attestiert wird, wie besagte Beziehungsunfähigkeit, jegliches Hineinfühlen in unser Gegenüber komplett verlernt. Oder ist es einfach die nackte Angst in einer Welt voll ewig lässiger Hispter, der einzige Trottel zu sein, der die stets ironisch feixende Fassade doch einmal brökeln lässt. Wer seine Deckung vernachlässigt, macht sich angreifbar und wer nicht aufpasst, steckt schon mal ein, zwei Treffer ein. Schließlich treibt dieser Tage ja auch ein Monster namens „Ghosting“ sein Unwesen und wer will dem schon zum Opfer fallen?

No risk, no fun!

Gut, so’n bisschen Bammel ist durchaus legitim. Hat ja jeder hin und wieder. Ich werde bei all den als allgemeingültig deklarierten Beziehungsgesetzen aber einfach den Eindruck nicht los, dass niemand mehr bereit ist, mal was zu wagen und sich lieber an alberne Spielregeln klammert, als einfach mal beide Arschbacken zusammenzukneifen und sein Ding durchzuziehen, auch wenn’s am Ende vielleicht mal weh tut. Dabei hat uns doch schon die liebste Omma beigebracht „No risk, no fun!“ oder so ähnlich. Aus Schaden wird man schließlich klug. Klar, irgendwie haben wir diese Unentschlossenheit, die an Panik grenzenden Zweifel hinsichtlich lebensbeeinflussender Entscheidungen und all die damit verbundenen Unsicherheiten ja auch mit der Muttermilch zugefüttert bekommen. Während unsere Eltern nämlich noch in einer Zeit großgeworden sind, in der gewisse Konventionen noch Bedeutung hatten und Selbstentfaltung noch ein schmaler Silberstreif am Horizont war, sind wir von vorn herein in eine Welt voller Optionen geboren worden – Fluch und Segen gleichermaßen.

Da verstecken wir uns nur all zu gerne hinter Ausreden à la „Wer kann sich bei all den Möglichkeiten schon entscheiden? Ist ja kein Wunder, dass wir permanent das Gefühl haben irgendwie irgendwo irgendwas richtig Geiles zu verpassen“, wenn es mal wieder darum geht sich alle Eventualitäten offenhalten. Sich für eine Sache entscheiden, bedeutet eben auch, tausend andere links liegen lassen und sich mit dem, was man kriegt, zufrieden geben. Was aber, wenn das was wir haben, möglicherweise doch nicht das Nonplusultra ist, auch wenn’s sich grad so richtig gut anfühlt? Wer weiß denn schon, ob sich das Ganze nicht noch steigern lässt und wer soll da vor allem noch den Durchblick behalten und mit Sicherheit sagen können, wo einem Kopf und Herzchen stehen?

Außerdem ist ständiges Zweifeln an sich und seinem Leben dieser Tage einfach auch ultra hip. Sesshaft werden und einfach glücklich sein mit dem, was man schon hat, dagegen klingt so unglaublich spießig. So nach Vorstadt und Reihenhaus. So nach unseren Eltern. Dabei wollten wir doch ALLES ganz anders machen. Und überhaupt: Bedeutet Stillstand nicht Rückschritt? Bei all dem „Höher! Besser! Weiter!“ und deshalb bloß nicht festlegen übersehen wir aber, dass Entscheidungen treffen und mit deren Auswirkungen umgehen eben zur Selbstfindung gehören. Fromme Wünsche helfen da nicht. Und während Julia Engelmann in einem vollbesetzten Hörsaal „One day, baby, we’ll  be old, oh baby, we’ll be old and think of all the stories that we could have told…“ ins Mirko trällert, denke ich: Was aber, wenn ich niemanden an meiner Seite habe, mit dem ich diese Geschichten teilen könnte…

Love is a battlefield…

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©giphy.com

Natürlich rubbelt man sich selbst seine höchst eigenen Unzulänglichkeiten wohl am wenigsten gern unter die Nase. Dennoch kommen wir wohl nicht drum herum, uns irgendwann einzugestehen: Am Ende sind wir wohl weniger die Generation „Maybe“, „Y“, „Beziehungsunfähig“ oder wie auch immer wir uns nennen wollen, als die Generation „Feigling“. Das ist kein Syndrom oder irgendwie geartetes Krankheitsbild, das plötzlich alle zwischen 18 und 35 erfasst hat. Wir sind wohl schlicht und einfach zu feige Zugeständnisse zu machen und Konsequenzen zu tragen und verstecken uns lieber hinter einem vermeintlich gesellschaftlichen Phänomen, als einfach mal was zu riskieren. Und letztendlich haben wir uns mit all unseren Unsicherheiten gegenseitig wohl bereits so sehr verschreckt, dass wir uns noch nicht mal mehr bei den Liebsten der Lieben sicher fühlen, wenn Schlagzeilen, wie „Daran erkennst Du, dass er/sie Dich wirklich liebt“ – und ich dachte, Tipps dieser Art hätten wir bereits mit der Bravo hinter uns gelassen – tatsächlich traumschöne Klickzahlen generieren, ob nun, weil plumpe Effekthascherei eben immer zieht oder tatsächlich Bedarf besteht. Bezeichnend ist doch, dass journalistische Ergüsse der Sorte „Daran erkennst Du, dass Du in einer ernsthaften Beziehung steckst“ – Im Ernst jetzt???! – Tinder, Parship und Co. gerade in diesen Zeiten Hochkonjunktur haben.

Am Ende ist es doch so: Liebe war schon immer mehr Russisch Roulette als Poker. Es erwischt Dich entweder ganz oder gar nicht. „All in“ oder nix. Oder, um es mit der weisen Pat Benatar zu sagen: „Love is a battlefield“. Kein Ort für Feiglinge.

Anna

#PowerPuffGirl mit ausgeprägten Hang zur Lebensfreude, hat Hummeln im Po und Flausen im Kopf. #Schnackerperle #Bullshitqueen #AusDerReiheTänzerin #Piratenprinzessin Mehr über Anna

2 Comments

#HauRaus!

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