#LassMaSchnacken – Tanja Ellensohn über die Kunst, Mode zu machen

Jeden Tag aufs Neue stehen wir morgens vor den Kleiderschränken und Kommoden und fragen uns, was wir denn an diesem Tag bloß wieder anziehen sollen. Nicht gerade selten verfalle ich dabei in ein ratloses „in-den-Kleiderschrank-hinein-Starren“, während die Uhr unaufhaltsam weitertickt, bis ich mir hektisch irgendwas überwerfe und überstürzt das Haus verlasse. Die Frage ist nur, warum es uns so schwer fällt, uns zu entscheiden. Wovon hängt es denn – jeden Tag aufs Neue – nun eigentlich ab, was wir dann aussuchen? Kommt es hauptsächlich auf den Tagesplan an, ob man zur Arbeit geht oder die beste Freundin trifft? Machen wir es von den Orten und Menschen abhängig, die wir am Tag oder abends besuchen und denen wir begegnen werden? Kommt es auf das Wetter an oder ist es vielleicht doch einfach eine spontane Bauchentscheidung? Wahrscheinlich von allem ein bisschen etwas. Wie man sich kleidet – und auch Mode generell – hat viel damit zu tun, wer man ist bzw. sein möchte und wie man wahrgenommen wird. Und gerade deswegen kommt es vor allem darauf an, dass wir uns in dem, was wir am Körper tragen, wohlfühlen. Wir verlassen uns also voll und ganz auf unser Gefühl – gerade in der morgendlichen Hektik!

Wie es ist, mit Mode nicht nur ein angenehmes Gefühl zu verbinden und Mode generell als eine tiefgründige Form von Kunst zu betrachten, darüber habe ich mit Tanja Ellensohn ebenso gesprochen, wie über das Modedesign-Studium. Die Absolventin der Universität der Künste Berlin hat sich für ihre Bachelor-Kollektion von Kunst und dunklen Gefühlen inspirieren lassen.

Tanja, schön dass es geklappt hat! Vielleicht fangen wir erst mal ganz am Anfang an. Warum genau hast Du Dich für ein Modedesign-Studium entschieden?

Ich komme aus einer ziemlich kleinen Stadt in Österreich und hatte dort eigentlich kaum Zugang zur Mode. Wir hatten daheim nicht mal wirklich Internetzugang. Das war halt genau so, wie man es sich klischeehaft auf einem Dorf vorstellt. Ich zeichnete schon seit klein auf viel und die Faszination für Mode beziehungsweise Kleidung wuchs über die Jahre. Ich erinnere mich noch, wie ich immer wieder versuchte für mich was zu nähen… ich war enthusiastisch, kaufte den Stoff, aber als es dann zum Zuschnitt kam, verlor ich meist meine Geduld, da meine Mutter für ihren Garten keinen Unterschied zwischen Stoffschere und Gartenschere machte :).

Ich hatte nicht wirklich Ahnung von Schnitten, Stoffen und vom Nähen und dachte deshalb, dass das mit dem Modestudium sowieso nix werden wird. So entschied ich mich für das Malereistudium, erst in Wien, wechselte dann an die UdK Berlin und bewarb mich dann doch auch noch für das Modestudium, mit dem Gedanken, dass ich es später nicht bereuen werde, dass ich es zumindest nicht mal versucht habe. Und es hat tatsächlich geklappt.

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Also hat sich das Interesse bei Dir eher nach und nach entwickelt und ging wohl auch immer einher mit Deinem Interesse für Kunst und Malerei? Wolltest Du bewusst Mode mit dem Künstlerischen verbinden? 

Ja schon. Es ist mir sehr wichtig, Emotionen rüberzubringen. Ich gehe da auch immer von mir selber aus. Wie und was fühle ich mit diesem Kleidungsstück und welche Emotion vermittelt dieses Kleidungsstück dem Betrachter. Ich habe zur Malerei wie zur Mode einen sehr persönlichen Zugang.

Wie fandest Du Dein Studium rückblickend? War es sehr theoretisch oder doch eher praxisbezogen? 

Alles in allem war es zum Glück sehr praxisbezogen. Im ersten Jahr wird Produkt- und Modedesign zusammen gelehrt. Da geht es mehr um das Kennenlernen der Werkstätten und Grundlagen-Know-How wie Photoshop, Indesign, Fotografie, etc.. Man lernt in kurzen Projekten vor allem, wie der Designprozess im Groben abläuft und wie man eine Recherche macht. Nach dem 2. Semester muss man sich dann entscheiden, welchen Bereich man lieber vertiefen möchte und ab dem 2. Jahr hat man nur noch ein Projekt pro Semester, in welchem man den kompletten Prozess, angefangen von der Recherche, über den Prototyp, bis zum Original mit anschließendem Fotoshooting durchläuft. Es wird also mit fortschreitendem Studium immer praxisbezogener. 

Was hat Dir besonders viel Spaß im Studium gemacht? 

Ich habe mich sehr gerne mit der Stoffbearbeitung auseinandergesetzt, das kam wahrscheinlich auch daher, dass ich Tutorin in der Siebdruckwerkstatt und der Färberei war und daher allgemein schon sehr viel Zeit in den Werkstätten verbrachte, in der ich alleine oder mit anderen Studenten experimentieren konnte. Des Weiteren fand ich das Arbeiten an Accessoires auch abwechslungsreich und immer wieder spannend, da diese eine willkommene Abwechslung zu den Näharbeiten waren und Accessoires auch helfen die Kollektion zu inszenieren. Was mir am meisten zu schaffen machte, war das ständige Rechtfertigen dafür, was ich machen wollte, aber ich sah auch ein, dass es wichtig war. Ich hatte immer eine ziemlich gute Intuition, wo es mit der Kollektion hingehen sollte, aber ich fand selten die passenden Worte dafür. Aber die Professoren und Mitarbeiter sind sehr offen und wir fanden einen Weg der Kommunikation mittels Skizzen, Materialproben und Drapageversuchen. Man wurde in keine bestimmte Richtung gedrängt, sondern eher dazu angeregt, auch mal nach links und rechts zu schauen. Aber was für mich am wichtigsten war, war der Austausch mit den Mitstudenten, die Höhen und Tiefen die man gemeinsam durchlief und auch gemeistert hat. Was rückblickend auch sehr faszinierend ist, ist wie man sich über die Studienjahre auch immer mehr selber kennenlernte.

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Nach welchem Schema läuft denn so ein Arbeitsprozess ab? Vielleicht kannst Du uns erzählen, wie Du bei der Abschlusskollektion vorgegangen bist?

Ich bin ein Mensch, der, wie schon gesagt, erst mal ein Gefühl für etwas hat. Ich gehe nicht den konventionellen Weg von Konzept und Entwurf. Ich schaue mir zuerst die Stoffe an, mache erste Drapageversuche und Materialproben, um mich so der gefühlten Silhouette zu nähern, und fange erst dann an zu zeichnen. Ich muss was vor mir haben, womit ich mich dann weiter herantasten kann. Natürlich mache ich auch Skizzen, aber am Ende kommt meist was anderes raus. 🙂 Bei meiner Abschlusskollektion lastete schon ein großer Druck auf mir beziehungsweise war es eine konstante Achterbahnfahrt von Gefühlen bezüglich der Entscheidungen für die Kollektion. Zumindest bis zu dem Moment, als ich dann wirklich einmal alles niedergezeichnet habe und ich mich für die endgültige Stoffwahl entschieden habe. Ab dem Moment sah ich klarer, was nun noch alles vor mir lag und es herrschte auch wieder halbwegs Ordnung in meinem Kopf. Es ist organisatorisch doch auch ein Unterschied, ob man 3 Outfits macht oder 10. 🙂

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Tanja Ellensohn Abschlusskollektion Phantasmagoria6

Kommen wir ein bisschen genauer zu Deiner Abschlusskollektion. Wie würdest Du sie beschreiben? Was hat Dich inspiriert und was willst Du ausdrücken?

Inspiration meiner Abschlusskollektion waren die „Pinturas Negras“, die Bilder der schwarzen Manier des spanischen Malers Francisco de Goya. Seine anziehenden und gleichzeitig abstossenden Bilder nahmen mich mit auf eine dunkle Erforschungsreise über das Groteske und das Unheimliche. Ziel meiner Kollektion soll es sein, den Betrachter an das Gefühl heranzuführen, welches damals der Besucher in Goyas Haus, der „Quinta del Sordo“ beim Betrachten der schwarzen Bildern empfunden haben muss. So, wie Goya damals mit dem Geschmack seiner Epoche brach und seine Bilder bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben, soll meine Kollektion auch zeitlos sein und eher als Träger von Emotionen dienen, welche den Betrachter ein Stück weit auf sich selbst zurückwirft, die Ignoranz und Laster menschlicher Existenz vor Augen führt und ihn zur Selbstreflexion zwingt. Erhabenes, Infernalisches, Unheimliches, Groteskes, Unkonventionelles und Absurdes bilden vereint mit Metamorphosen und Symbiosen von historischen Kleidungselementen der Aufklärung, Silhouetten von Nachtgestalten, sowie eine gewandartig-verschwenderische Couture-Charakteristik, das Wesen meiner Kollektion.

Tanja Ellensohn Abschlusskollektion Phantasmagoria
Tanja Ellensohn Abschlusskollektion Phantasmagoria5

Bei Deinen Kreationen fällt auf, dass sowohl Kleider, Röcke und auch Hosen sehr lang sind und bis auf den Boden reichen. Du verwendest generell viel Stoff. Hat das einen bestimmten Grund?

Das ist einfach meine Ästhetik. Ich finde einen verhüllten Körper einfach spannender und interessanter, als einen Körper, der schon gleich alles preisgibt… meiner Meinung nach, sind es die kleinen Mysterien, welche unsere Interessen wecken.

Tanja Ellensohn Abschlusskollektion Phantasmagoria3
Tanja Ellensohn Abschlusskollektion Phantasmagoria4

Würdest Du sagen, dass sich Dein privater Kleidungsstil sehr von Deinen Entwürfen bzw. dem Stil Deiner Entwürfe unterscheidet? Würdest Du Deine Sachen auch selbst tragen?

Nein, der Stil unterscheidet sich nicht wirklich. Klar, die Stücke der Kollektion sind viel experimenteller und nicht für den kommerziellen Gebrauch gemacht; ich glaube es sind Kleidungsstücke für spezielle Charaktere. Aber die grundlegende Ästhetik ist dieselbe. Ich würde nie etwas entwerfen, was ich mir selber nie vorstellen könnte zu tragen. Ich möchte, dass diejenige, die meine Kleidung trägt sagt „ich fühle mich gut damit, ich kann mich damit identifizieren und das Kleidungsstück macht was mit mir“. Denn nur wenn sich die Trägerin mit dem Kleidungsstück wirklich identifizieren und wohlfühlen kann entsteht eine gewisse „Eleganz“ und Leichtigkeit. Die Wahl eines Outfits sollte niemals bemüht aussehen!!!

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Du hast das Studium an der UdK ja nun abgeschlossen. Weißt Du schon, wie es weitergehen soll? Wie sehen Deine Zukunftspläne aus?

Ich möchte auf jeden Fall weitermachen. Ich habe während meines Studiums schon zwei längere Praktika gemacht, einmal in der Schweiz bei Jakob Schlaepfer – eine Firma, welche Couture-Stoffe für Modehäuser wie Chanel und Dior entwirft – und dann noch bei der Designerin Ann Demeulemeester in Antwerpen. Ich denke, dass dürfte genug sein und es ist Zeit einen Schritt weiter zu gehen.
Natürlich habe ich schon ein paar andere Sachen im Hinterkopf. Eventuell wird es eine Kooperation mit einem Freund oder ich werde meinen eigenen Pfad gehen, aber bevor noch nichts konkret ist, gibt es dazu noch nicht viel zu sagen. Es ist auf jeden Fall noch ungewiss.

Es wird also wahrscheinlich ein Projekt zu zweit folgen. War es denn schon immer Dein Wunsch im Team zu arbeiten? Gerade als Designer stelle ich mir das schwierig vor. 

Man muss immer mit ganzem Herzen dabei sein und mit Leidenschaft und Enthusiasmus diesem Beruf nachgehen, sonst wird das nichts. Ich bin ein Mensch, der ganz schlecht Kompromisse eingehen kann. Ich arbeite nur im Team, wenn es wirklich passt, man sich versteht und die gleichen Ziele verfolgt. Wenn das im Team funktioniert und beide Individuen sich dennoch treu bleiben können, dann ist das das Beste, was einem passieren kann. :)

Welche Stadt ist für Dich die eine große Modehauptstadt?

Das kann ich nicht definitiv sagen, da ich noch nie in New York oder in Mailand war. Ich war als Praktikant zur Fashion Week in Paris. Berlin ist für mich eine unglaublich inspirierende Stadt, die einem die Möglichkeit gibt sich zu entwickeln. Es ist eine Stadt, die sich bezüglich der Mode immer noch am entwickeln ist. Es ist gut hier eine Basis zu haben, aber es ist trotzdem wichtig in Paris Präsenz zu zeigen. Ich glaube, dass Paris immer noch “die“ Modehauptstadt ist.

Wo würdest Du dich am ehesten sehen?

In Paris. Das entspricht am ehesten meiner Person und meinem Stil. Aber im Moment möchte ich hier in Berlin Fuß fassen und mich entwickeln.

Schnelle Fragen an Tanja Ellensohn:

1. Hast Du einen Lieblingsdesigner?

Ann Demeulemeester und Riccardo Tisci.

2. Was sagst du zu Jogginghosen? Ja oder nein?

Zuhause trage ich sie. 

3. Was ist für Dich ein echtes Fashion No-Go?

Ballerinas, da diese der Figur und dem Gang meist nicht sehr schmeichelnd sind.

4. Was ist dein liebstes Kleidungsstück?

Ein schwarzer Blouson, welchen ich mir selber gemacht habe. Er passt zu fast allem, daher trage ich ihn fast täglich.

5. Ohne welche Dinge gehst Du nie aus dem Haus?

Die Kette, welche mir meine Großmutter schenkte bevor sie starb. Ich hab sie immer um. Sie ist mein Glücksbringer und Beschützer zugleich.

6. Schnäppchen oder Designer-Teil?

Da lege ich keinen Wert drauf. Ich zieh das an, was mir gefällt und in dem ich mich wohl fühle. Es kommt darauf an, wie man ein Kleidungsstück trägt und was man damit ausstrahlt. Dann ist es egal, ob Schnäppchen oder Designer-Teil.

Alle Bilder stammen von Alexander Kania vom Cropped Magazine. Die Kollektionsbilder stammen von Franziska König. Das Schwarz-Weiß-Bild stammt von Ron Goldstein..

Lisa

#Knallermiss, die das Köpfchen gern mal in den Wolken und geile Treter an den Füßen trägt. #Berlingörli #Honigkuchenperle #Modemädchen #Tagträumerin Mehr über Lisa

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