Die Sache mit dem Alltagssexismus

Eigentlich wollte ich mich mit dem Sachverhalt, den dieser Artikel entgegen meines eigentlichen Vorhabens nun doch zum Thema haben wird, gar nicht weiter öffentlich auseinandersetzen. Ich wollte eigentlich nicht wieder die Feministin hervorkehren müssen und dachte mir: „Komm Anna, reg’ dich nicht auf. Manche werden es einfach nie kapieren! Es lohnt sich nicht!“ Da es aber leider nicht in meiner Natur liegt, stillzusitzen und die Klappe zu halten, muss es jetzt doch wieder einmal raus. Kleine Warnung vorab: Es mag an mancher Stelle ein klein wenig zynisch werden.

Es ist wirklich erschreckend, wie ignorant manche – und ich betone, ich meine damit nicht alle – Männer doch sind, wenn es darum geht, was sich Frauen tagtäglich vom anderen Geschlecht gefallen lassen müssen. Es liegt mir fern, die Frauenwelt als eine voller hilfloser Opfer darzustellen. Wir sind stark, wir haben einiges drauf und wir sind alle auf unsere Art und Weise der Knaller – was übrigens für jedes Menschlein im Allgemeinen, also auch für den männlichen Teil der Menschheit gilt – aber es ist eben auch nicht immer das Einfachste in dieser Welt eine Frau zu sein. Das führt uns ein virales Video, das seit einigen Tagen durch das World Wide Web geistert, anschaulich vor Augen und sorgt damit für jede Menge Zündstoff im Netz und vor allem zwischen Männlein und Weiblein. Für diejenigen, die es noch nicht gesehen haben, der Inhalt in Kürze: Die 24-Jährige Shoshana Roberts läuft 10 Stunden lang durch New York City und wird dabei schier pausenlos und ungefragt von diversen Herren angebaggert – natürlich ganz unaufgefordert und nicht sonderlich charmant und das obwohl sie nicht einmal ein kurzes Kleidchen trägt, was einige Herrschaften ja gerne mal als Freischein für dumm dreistes Gaffen und Feixen, wenn nicht sogar Schlimmeres, geltend machen wollen.

Bevor ich mich hier nun weiter auslasse, möchte ich zunächst klarstellen, dass mir Pauschalisierungen – vor allem wenn es dabei um Menschen geht – generell absolut zuwider sind. Das ist „typisch Frau“ und das „typisch Mann“ – damit konnte ich nie viel anfangen. Gegen ein augenzwinkerndes Schmunzeln über den ein oder anderen Frauen-Fimmel oder die spleenige Männer-Macke ist ja auch gar nichts einzuwenden, aber irgendwo hört der Spaß nunmal auf. So bin ich mir sicher, dass es Männer gibt, die sich anders verhalten und durchaus auch Frauen, die mit ihren weiblichen Reizen weniger geizen als andere und es sogar toll finden, wenn man ihnen hinterher pfeift. Aber dennoch geht es hier um einen gewissen Misstand in unserer Gesellschaft. Also, zurück zum eigentlichen Thema.

Wer kennt es nicht? Ein verkaterter Sonntag und man möchte nur mal eben zum Dönerladen schlappen, um seinem Kater ganz unbehelligt mit einem Dürüm mit Kräutersoße und ohne Zwiebeln zu Leibe zu rücken. Ganz so entspannt wird der Besuch bei Alis Imbiss um die Ecke für mich aber nie. Nicht nur, dass sich schon beim Eintreten in den Laden, die Blicke von Herbert, Helmut und Karl Heinz auf mich richten, um dort für meinen gesamten Aufenthalt in erwähnten Etablissement zu verweilen – als wäre ich ein Affe im Zoo – auch Ali selbst fühlt sich natürlich sofort dazu berufen, der kleinen Blonden seine Aufwartung zu machen und den gewünschten Dürüm nicht nur mit Salat und Soße, sondern auch mit allerlei „Süße“ und „Püppi“ zu garnieren. Ich weiß, er meint es wahrscheinlich gar nicht böse und möchte mir vielleicht tatsächlich nur ein Kompliment machen. Vielleicht ist mir aber gerade nicht nach Schäkereien, vielleicht möchte ich tatsächlich einfach einen Döner kaufen, ohne mich durch ein quälend anstrengendes Gespräch gespickt mit mal mehr mal weniger subtil verpacktem Chauvinismus und als Kompliment getarnten Machosprüchen manövrieren zu müssen. Dennoch sehe ich mich genötigt mir zumindest ein kleines Lächeln für den Mann hinter der Theke abzuringen, damit der sich nicht in seinem Ego gekränkt fühlt, weil sein ach so charmanter Flirtversuch gescheitert ist. Andernfalls ist der freundliche Dönermann manchmal nämlich ganz plötzlich gar nicht mehr so zuvorkommend. Eine Gepflogenheit, die sich übrigens auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln in Berlin offenbar großer Beliebtheit erfreut. Erst wird geglotzt – ein Verhalten, das übrigens nicht minder unhöflich ist, als mit dem Finger auf jemanden zu zeigen und das man das nicht macht, hat uns ja schon die liebe Omi beigebracht – dann folgt ein leises „Na Sweetie, was hast’ denn heute Abend vor?“, wenn dann jedoch die gewünschte Reaktion ausbleibt, wird aus dem „süßen Püppchen“ auch schnell mal eine „dumme F***“. Ja, nicht mal zum Bäcker kannste gehen, ohne das dir die Truppe Mitfünfziger, die dort gerade ihr Mittagsbierchen schlürft und wahrscheinlich allesamt selbst eine Tochter in meinem Alter haben, hinterhergafft, weil sie vermutlich gerade mal wieder in einer Midlifecrisis stecken und so ein bisschen junges Frischfleisch, das Blut wieder in Wallung bringt.

Generell scheint es sich dabei auch um so eine Art Rudeltrieb zu handeln. Vorwiegend sehen sich die Herren nämlich dazu ermutigt, Mademoiselle Avancen zu machen, wenn sie ihre Herde hinter sich wissen oder zumindest andere Vertreter ihres Geschlechts, die ihnen im Nachhinein anerkennend auf die Schulter klopfen können und bestätigen, was für ein toller Hecht sie doch sind. Ich weiß, wir machen es den Männern auch nicht immer ganz leicht, wenn es darum geht, uns anzusprechen, weil man uns ernsthaft kennenlernen will. Da dürft ihr Euch zu einem nicht unbedeutenden Teil aber auch bei Euren werten Bros bedanken. Wenn wir nämlich schon auf dem Weg in die Bar zehn dumme Anmachen über uns ergehen lassen müssen, hat der liebenswürdige Hans Peter leider kaum mehr eine Chance, wenn er sich nach drei Stunden des Zweifels und Hin-und-Herüberlegens endlich dazu durchgerungen hat, uns nach unserer Nummer zu fragen – da mögen seine Absichten noch so ehrenhaft sein. Und nur mal nebenbei: Wir Frauen flirten durchaus ganz gerne mal und gegen ein nettes Lächeln vom Sitz gegenüber oder ein wirklich ernst gemeintes Kompliment haben wir auch nichts einzuwenden. Leider wissen einige offenbar aber nicht so ganz wie man das macht. Es gibt nämlich einen Unterschied von dumm dreisten Machosprüchen und unverschämten Geglotze zu einem charmanten Lächeln und ein paar schmeichelnden Worten. Es scheint nur leider, dass einige Herren alles immer mit einer Brechstange angehen müssen.

Das sind im Grunde aber nur Kleinigkeiten, im Gegensatz zu Situationen, in denen es dann wirklich auch körperlich wird. Meinen persönlichen Höhepunkt dieser Problematik habe ich nämlich vor einigen Jahren im wahrsten Sinne des Wortes am eigenen Leib erlebt, als sich nämlich irgendsoein testosterongesteuerter Vollidiot dazu ermutigt sah, er müsse sich im Schutze der überfüllten Bahn an mir reiben und mein Bein streicheln, während er hinter seiner Sonnenbrille lüstern grinste – ganz nach dem Motto: „Na Mäuschen, gefällt dir das?“ Es gefiel mir NATÜRLICH nicht und am liebsten hätte ich mich noch an Ort und Stelle in das Gesicht des Typen erbrochen. Stattdessen wurde ich rot und schämte mich noch als ich aufstand und mit Mühe und Not ein halblautes „Sag mal, geht’s noch?“ ausstieß. Ich weiß nicht, ob die sich spannende Hose im Schrittbereich die Blutzufuhr zu seinem Hirn verhinderte, seine Mami nie mit ihm geknuddelt hat oder er einfach geistig nicht ganz auf der Höhe war. Es ist mir im Grunde auch egal, was nun konkret sein Problem war, aber warum muss ich für seine Unzulänglichkeiten herhalten? Eine ähnliche Geschichte ist mir übrigens noch einmal im Bus in Kiel passiert, als ich dort meine Tante und meinen Onkel besuchte – also nicht bloß ein Berliner Phänomen. Fragt sich, wie viele Männer wohl ähnliche Geschichten zu erzählen haben? Ich lehne mich mal aus dem Fenster und vermute, dass die Frauen hier das Rennen machen.

Noch speiübler wird mir allerdings, wenn ich dann auch noch die Kommentare einiger Herrschaften zu diesem Thema lese, die ich eigentlich für reflektierter und intelligenter gehalten hatte. Wieso eigentlich fühlen sich manche Männer angegriffen, wenn wir Frauen laut aussprechen, dass wir uns mit bestimmten Verhaltensweisen mancher Vertreter der Herrenwelt einfach nicht wohlfühlen? Müssen wir uns jetzt über jeden Kommentar zu unserer Person freuen, nur damit sich niemand auf den Schlips getreten fühlt? Ich finde es ehrlich gesagt ziemlich vermessen jemand anderem vorschreiben zu wollen, wie dieser sich bezüglich des Verhaltens eines anderen Menschen ihm gegenüber zu fühlen hat und nichts anderes tun die Herren, wenn sie wieder einmal zum üblichen „seht es doch als Kompliment“ oder „seid doch froh, wenn man Euch scharf findet“ ansetzen. Überhaupt: Wieso erwarte ich von jemand anderem mein unangemessenes Verhalten zu tolerieren und das Unwohlsein einfach herunterzuschlucken, anstatt mein eigenes Handeln zu überdenken und einfach zu akzeptieren, dass das, was ich tue meinem Gegenüber nicht gefällt und es darauf hin einfach sein zu lassen? Ist das wirklich so schwer für Euch Jungs? Vollkommen disqualifiziert man sich dann aber, wenn man besagtes virales Werk auch noch mit den Worten kommentiert: „Ich verstehe gar nicht wieso die so oft angegraben wird, die ist doch gar nicht so hübsch.“ Ach so ist das. Biste hässlich musste froh sein, wenn sich überhaupt einer für dich interessiert – zumal die Schönheit eines Menschen ja nun keine Tatsache ist, die ganz objektiv in der Welt existiert, sondern, wie man so schön sagt, im Auge des Betrachters liegt. Wow, da hat einer so wirklich gar nichts verstanden. So viel unverhohlene Ignoranz und Dummheit macht selbst mich fast sprachlos – aber Gott sei Dank nur fast 😉

Noch einmal, es geht hier nicht darum, alle Männer über einen Kamm zu scheren. Ich weiß, dass es wunderbare Wesen unter Euch gibt, die uns mit viel Respekt und sogar Bewunderung begegnen. Leider sind es aber trotzdem machmal auch eben diese Männer, die absolut ignorant und mit vollkommenem Unverständnis reagieren, sich geradezu angegriffen fühlen, sobald Frau sich über besagte Attitüden gewisser Herren beklagt, und damit das unverschämte Verhalten dieser Typen sogar verteidigen, so wie die Löwin ihr Junges – Jungs, das sind auch Eure Töchter, Muttis und kleinen Schwestern da draußen! Bei der derzeitigen Diskussion um besagtes Video hab ich es wieder einmal erlebt und bin aufs Neue enttäuscht worden.

Ihr wollt nicht alle in eine Schublade gesteckt werden, aber weil sich Chantal mit weißen Stiefeln und Minirock im Club an der Stange räkelnd in den Blicken der sabbernden und geifernden Männermeute sonnt, muss ich mir in Jeans und Rolli auch auf den Busen glotzen lassen? Nichts anderes propagieren einige offenbar besonders frustrierte Exemplare nämlich, wenn sie behaupten Frauen würde ja genug dafür tun, dass man sie auf ihr Äußeres reduzieren müsse. Weil andere Vertreterinnen meines Geschlechts es möglicherweise genießen, wenn Hans und Franz sie mit ihren Blicken verschlingen, darf ich – kein Fan von öffentlicher Zurschaustellung von zuviel Busen übrigens – mich persönlich nicht gestört fühlen, wenn mir Karl Otto auf den Hintern stiert? Erschließt sich mir ehrlich gesagt nicht? Das wäre, als würde man sagen, viele Menschen trinken liebend gerne Milch, deswegen musst du sie auch liebend gerne trinken – und das tue ich einfach nicht! Und wer sagt eigentlich, dass Frau zwangsläufig dumm und unzurechnungsfähig sein muss, wenn sie High Heels und Ausschnitt trägt, deshalb nicht ernstzunehmen ist und geradezu darum bettelt, dass die Herren grabschen, glotzen und pfeifen – ganz nach dem Motto: „Die hat ‘nen kurzen Rock, die wollte das doch so!“ Das ist ziemlich bedenklich, finde ich. Seid ihr Eurer Natur wirklich so sehr ausgeliefert, dass ihr gleich Kopf und Anstand verliert, weil dort ein bisschen Busen blitzt? Nur weil du dein Shirt ausziehst, wird’s bei mir ja auch nicht gleich feucht im Höschen…

Außerdem ist es ja auch nicht nur so, dass solch ein Verhalten uns Frauen den Eindruck vermittelt, nicht mehr als unsere weiblichen Attribute zu sein und als wandelndes Frischfleisch betrachtet zu werden. Nein! Diese Herren, stellen sich dadurch leider auch selbst ein ziemliches Armutszeugnis aus, in dem sie sich auf das Dingelchen da zwischen ihren Beinen reduzieren – und jene die sich zwar anders verhalten, aber die beleidigte Leberwurst geben, sobald Frau sich beschwert, sind da leider nicht viel besser.

Am erschreckendsten war für mich aber eine ganz andere Erkenntnis. Obwohl ich es jeden Tag selbst erlebe und es durchaus so empfinde, habe ich mich gescheut in diesem Artikel den Begriff „sexuelle Belästigung“ zu verwenden. Nicht etwa, weil ich denke, dass es sich bei den dreisten Sprüchen und nervigen Pfiffen um bloße Neckereien, kleine Lappalien handelt, viel mehr weil man als Frau nur all zu gern als überempfindlich und hysterisch abgestempelt wird, sobald man das Thema zur Sprache bringt. Mittlerweile haben wir uns selbst auch schon so sehr daran gewöhnt begafft und kommentiert zu werden, dass diese Art des Alltagssexismus zu einem ganz „normalen“ Hintergrundrauschen geworden ist – was nicht bedeutet, dass es dadurch weniger präsent und störend wäre. Und das ist ziemlich traurig. Machst du den Mund auf, wirst zu belächelt, tust du es nicht, hast du dich den Unverschämtheiten einfach ergeben. Es macht mich wütend, dass ich als Frau nicht selbst bestimmen dürfen soll, was mir gefällt und was nicht und MANN mir vorschreiben möchte, was ich wie zu fühlen habe – denn so fühlt es sich für uns an, wenn manche Herren meinen, wir sollten das Ganze mal entspannter sehen. Vielleicht sollten die ihren eigenen Ratschlag sich selbst mal zu Herzen nehmen. Wir wollen Euch nichts Böses Jungs, manchmal möchten wir einfach nur unsere Ruhe!

Bidl via Screenshot/YouTube.

Anna

#PowerPuffGirl mit ausgeprägten Hang zur Lebensfreude, hat Hummeln im Po und Flausen im Kopf. #Schnackerperle #Bullshitqueen #AusDerReiheTänzerin #Piratenprinzessin Mehr über Anna

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